Was soll ich heutzutage studieren?

Für die meisten Studierwilligen mit Abitur ist die Auswahl des Studienfaches eine schwierige Herausforderung. Eltern, Freunde, Lehrer und viele andere haben einen guten Tipp und empfehlen komischerweise häufig etwas aus der Richtung, die sie selbst eingeschlagen haben. Daher versuche ich es in diesem Beitrag einmal mit einem anderen Denkansatz.

Was Du studieren sollst?

Provozierend würde ich sagen: Eigentlich ist es völlig egal was Du studierst!

Am einfachsten studierst Du was Du willst und was Dir liegt. Oder wenn Du auf der sicheren Seite sein willst, studiere Informatik. Das wird derzeit gesucht. Aber wird das morgen auch noch gesucht? Oder in 20 Jahren? Keiner weiß es! Wenn Du heute vor der Frage stehst, was Du studierst, kann ich Dir im Grunde garantieren, dass Du den Beruf, den Du heute auswählst, am Ende Deines Arbeitslebens sicherlich nicht mehr machen wirst. Sehr wahrscheinlich ist es etwas anderes, vielleicht sogar völlig anderes.

Viel wichtiger als die Frage der Studienfachwahl ist die Frage, WAS Du im Studium lernst. Da wird es dann schwierig und es ist von vielen Faktoren abhängig – vor allem aber von Dir und Deinem Engagement. Und dazu brauchst Du ein entsprechendes Mindset. Ich spreche hier nicht von einem bestimmten Studienfach, das gilt für jedes Fach!

Wissen verdoppelt sich alle 8 Jahre

Man sagt, das Wissen der Menschheit verdoppelt sich alle acht Jahre. Das heißt, dass immer mehr neues Wissen dazu kommt, es immer neue Erkenntnisse gibt, die mal mehr oder mal weniger eine Rolle spielen für die Tätigkeit die man ausübt. Wenn man sich beispielsweise die Entwicklung in der Informatik anschaut und hier zum Beispiel das Thema Künstliche Intelligenz, merkt man schnell, dass es hier fast täglich neue Erkenntnisse gibt, die im Ergebnis ganze Branchen voran bringen oder auch total durcheinander wirbeln können. Wenn Du das nun studieren würdest, müsstest Du in einem ständigen Lernen bleiben, um überhaupt nur aktuell zu bleiben.

Witzigerweise ist das für manche Professoren übrigens durchaus ein Thema. Wenn Professoren einen guten Studierenden haben und dieser eine hochwertige Masterarbeit schreibt, kann es sein, dass zum Zeitpunkt der Verteidigung der Arbeit, der Student mehr und Spezielleres über das Thema weiß, als der Professor selbst. Immerhin hatte der Studierende ja einige Wochen Zeit, sich intensiv mit der Thematik und den aktuellen Entwicklungen zu befassen.

Für andere Fächer gilt das genauso und dies nicht nur für die technischen Fächer. Auch die Sozialwissenschaften – als nächstes Beispiel – bringen immer wieder spannende Erkenntnisse, die, wenn man sie denn konsequent anwenden würde, vieles vereinfachen und vor allem beim Verstehen helfen könnten. Es geht also immer um das Wissen und dann um die Anwendung des Wissens in der Praxis um einen wie auch immer gearteten Nutzen zu erzielen.

Lernen wie man lernt wäre gut

Am sinnvollsten wäre es also, man lernt vor allem wie man lernt. Bzw. wie man sich Wissen aneignet und zwar in der Breite als auch in der Tiefe. Meines Erachtens sollte, welches Studium auch immer, einem vor allem beibringen, wie man sich in eine Thematik sehr tief einarbeiten kann. So tief, dass man weiß, was es dort alles an Wissen gibt, welche Thesen, welche Theorien, wer was davon in welcher Praxis umgesetzt hat und wer wie erfolgreich damit war. So dass man sich sicher in diesem Fachgebiet bewegt und Schlußfolgerungen für die eigene Praxis – sprich das Leben – ziehen kann. Das solltest Du im Studium also lernen.

Das Problem dabei ist, dass das heute gar nicht mehr so einfach ist. Im Rahmen der Umstellung der Studiengänge von Diplom- auf Bachelorstudiengänge und der damit vielerorts verknüpften Verschulung des Lernens wird das gar nicht mehr gefordert. In Klausuren wird irgendetwas auswendig Gelerntes aufgesagt, man bekommt dafür die Noten und ganz am Schluss steht man dann mit der Bachelorarbeit im günstigsten Fall endlich mal vor der Herausforderung, sich tatsächlich vertieft mit einer Thematik zu befassen. Also das was man vorher mit den Klausuren nicht musste und was bisher nie verlangt war. Das Studium macht es Dir also nicht gerade leicht.

Als Praktikumsanleiter, als Personaler habe ich die letzten Jahren viele Praktikanten und Studierende mit Abschlussarbeiten kennen gelernt. Bei manchen habe ich mich wirklich gefragt, was sie eigentlich gelernt haben. Wissenschaftliches Arbeiten? Methodisches Vorgehen? Systematische Erarbeitung von Wissen? Denken? Zu oft Fehlanzeige! Wissen auf Wikipedianiveau! Kann man kurz nachlesen und man kommt heute sogar damit bei einer Bachelorarbeit durch.

Klar, man braucht auch Sachbearbeiter im Unternehmen, also Leute, denen man sagt was sie wie zu tun haben und die dann einfach abarbeiten. Aber da sind die Menschen mit einer dualen Berufsausbildung und Prüfung vor der IHK besser ausgebildet. Auch besser ausgebildet um dann DAMIT Karriere zu machen und sich weiter zu entwickeln.

In einer Zeit, in der sich das Wissen der Welt alle acht Jahre verdoppelt, in der die Technik es ermöglicht, von heute auf morgen mit Geschäftsmodellen an den Markt zu gehen, die ganze Branchen disruptieren und ggf. auslöschen, in denen sich Anforderungen von Kunden täglich ändern können und die Unternehmen kurzfristig darauf reagieren müssen um am Markt zu bleiben, brauchen wir Menschen, die so ausgebildet sind, dass sie sich darauf einstellen können. Und die ständig dazu lernen. Oder die sich ggf. auch ganz neue Gebiete aneignen können weil die alten Wissensgebiete nicht mehr gebraucht werden. Solche Menschen, die dann nicht nur ein wenig an der Oberfläche des Wissensgebietes kratzen sondern sich selbstgesteuert in der notwendigen Tiefe damit auseinandersetzen. Eben so tief, dass man professionell damit arbeiten kann.

Nun konkreter:

  1. Konket würde ich tatsächlich dazu raten, das zu studieren, was Dir Spaß macht. Das ist eine gute Grundlage für die eigene Motivation und – jetzt mal ehrlich – wenn’s eh egal ist, was man studiert, kann man auch das machen was einem Spaß macht.
  2. Stelle Dich auf jeden Fall darauf ein, bis zum für Dich höchst möglichen Abschluss zu studieren – bestenfalls bis zum Master. Das mit den Bachloranden, die dann jung in die Unternehmen kommen, ist schön und gut. Bei Deiner Studienwahl geht es aber darum, wie DU eine gute Basis bekommst für Dein eigenes Leben und nicht darum, wie Unternehmen schnell billige Arbeitskräfte bekommen, die als Basis ein wenig studiert haben und ansonsten vom Unternehmen sozialisiert werden. Ob diese Sozialisation DIR dann hilft, wenn das Unternehmen mal die Zeichen der Zeit verschläft, ist dem Unternehmen dann im Zweifelsfall egal.
  3. Versuche das gewählte Fach möglichst breit zu studieren, damit Du einen guten Überblick hast über das was sich in dem Fach so tut. Die Professoren Deiner Hochschule haben ihre eigenen Themen und die müssen nicht die Breite Deines Faches abdecken. Schaue also auch über den Tellerand INNERHALB Deiner eigenen Fachdisziplin.
  4. Suche Dir im Laufe des Studiums mindestens zwei, besser drei Themen, die Du vertiefst. Und zwar möglichst so, dass Du danach mit gutem Gewissen sagen kannst, dass Du Spezialist in dem Gebiet bist. Es geht dabei darum, Spezialist zu WERDEN. Es geht nicht darum, danach sagen zu können, dass Du Spezialist bist. Denn das bist Du nur kurz, wenn Du nicht dauerhaft an der Thematik dran bleibst. Wichtig ist nicht, Spezialist zu werden, sondern zu lernen wie man Spezialist wird!! Vielleicht kannst Du es mit Hausarbeiten anstatt Klausuren verknüpfen und manchmal lohnt auch die Frage beim Prof ob statt einer Klausur auch eine Hausarbeit möglich ist. Ist zwar mehr Arbeit, aber man lernt mehr dabei. Wenn Du gelernt hast, Spezialist zu werden, kannst Du es immer wieder tun, wenn nötig.
  5. Blicke auch über den Tellerand der eigenen Disziplin und schaue, was in Nachbarfeldern aktuell passiert. Beruflich bewegt sich so gut wie alles im interdisziplinären Umfeld. Man kann heute so gut wie keine Probleme mehr aussschließlich aus seiner eigenen Disziplin heraus lösen sondern ist immer auf Wissen aus anderen Disziplinen angewiesen.
  6. Apropos andere Disziplinen: Du musst lernen mit anderen zusammen zu arbeiten. Es geht um Deine Social Skills. Suche Dir Möglichkeiten, Dich darin zu üben. Suche Dir spannende Leute, die ähnlich ticken wie Du, macht etwas zusammen, arbeitet gemeinsam an Themen, erarbeitet Problemlösungen, gründet Unternehmen, engagiert Euch im Sozialen (oder besser noch: gründet eine soziales Unternehmen) – ganz egal: tue alles, wo Du Dich üben kannst, um mit anderen zusammen etwas zu leisten, zu bewegen, voran zu bringen. Suche Dir praktische Felder, in denen Du üben kannst. Die Seminare der Hochschule dazu sind auch fein, aber nicht durch praktische Erfahrungen zu ersetzen. Das gilt übrigens auch für Dinge wie Reden lernen, sich verkaufen lernen etc. Lerne, mache und übe!
  7. Sammle praktische Erfahrungen! Lerne durch Praktika verschiedene Unternehmen kennen. Suche nach großen, mittleren, aber auch nach kleinen, vielleicht Startups und bewirb Dich um Praktika. Mache die Praktika nicht zu lange (Du willst ja unterschiedliches kennenlernen), aber auch nicht zu kurz (Du willst ja auch einen guten Einblick bekommen). Das beste Praktikum ist übrigens die eigene Unternehmensgründung. Interdisziplinärere Anforderungen als beim eigenen Unternehmen gibt es vermutlich nirgends. Wie wäre es mit zwei Praktika in unterschiedlichen Unternehmen und einer Gründung? Deal?
  8. Reise! Schau Dir die Welt an! Nicht nur als Tourist, vielleicht auch aus beruflicher Perspektive. Wie wärs mit einem Praktikum oder Studienjahr im Ausland? Das erweitert ungemein den Horizont.
  9. Ja, das alles kostet Zeit. Aber Du bist jung und hast Dein Leben noch vor Dir. Zur Not muss das Studium eben etwas länger gehen (allerdings auch wieder nicht zu lange! Zwei Semester mehr finde ich okay.). 🙂

So viel mal auf die Schnelle. Ich finde auch, dass die Studienzeit eine tolle Zeit war, obwohl sie in meinem Fall schon einge Jahre zurück liegt. Aber man muss halt auch was tun.

Ich wünsche Dir eine gute Entscheidung und viel Erfolg!!

(Den Beitrag hatte ich vor kurzem in abgewandelter Form auf eine Frage auf Quora geschrieben. Hier passt er aber genauso gut hin!)

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